Ungarn: 20 Jahre nach der Wende
1989 wurde aus dem kommunistischen Ungarn eine demokratische Republik. Vieles hat sich seitdem verändert, nicht nur das politische System. Die Ungarn sind mit diesen Veränderungen nicht nur zufrieden. Sie haben Angst um ihre Jobs und die wirtschaftliche Zukunft.
Der Moskauer Platz in Budapest an einem Wochentag: Viele Menschen sind auf dem Weg von der Arbeit nach Hause, während andere einen Weg suchen, Geld zu verdienen. Trotz des schönen Wetters liegt eine Schwermütigkeit in der Luft.
Vergleich: 1989 und 2009
20 Jahre nach dem Ende des Kommunismus in Ungarn scheinen die meisten Menschen nicht mit dem zufrieden zu sein, was ihr Land erreicht hat. „Ich vermisse nichts aus den 1980ern“, sagt ein Buchhändler. „Aber das Problem ist heute, dass es immer nur um Geld geht. Wenn du einen Job hast, hast du keine Zeit, um auszugehen. Wenn du keinen Job hast, hast du kein Geld, um auszugehen.“ Das war vor 20 Jahren noch anders: Die Ungarn sind oft ausgegangen. Einmal die Woche haben sie abends in einem Restaurant gegessen und sie sind regelmäßig ins Kino gegangen. Heute ist das nur etwas für die reichen Ungarn.
Auf dem Moskauer Platz versuchen einige Menschen, über die Runden zu kommen. Magsi betreibt einen kleinen Kiosk und verkauft Zeitungen. „Heute ist nichts besser“, sagt sie. „Früher habe ich acht Stunden am Tag gearbeitet, um genügend Geld zum Leben zu verdienen. Heute sind es 16 Stunden.“
Eine Frau, die ohne offizielle Erlaubnis auf der Straße Rosen verkauft, wird von einem Verkehrspolizisten weggeschickt. Ein Mann mit Hut kommt vorbei und bittet um Geld. Er sei hungrig, sagt er. In der Mitte des Platzes sitzt ein Flötenspieler. Er ist so gut, dass die Menschen langsamer gehen, um ihm zuzuhören.
Ungarn als Vorreiter
Vor 20 Jahren waren Polen und Ungarn die ersten Länder, die den Weg für politische Umwälzungen in Osteuropa frei gemacht haben. Im Oktober 1989 löste sich die Ungarische Sozialistische Arbeiterpartei auf und wurde zur Ungarischen Sozialistischen Partei. Es war eine Revolution von oben, doch der Druck von der Straße war überall zu spüren.
Betty Strobl war 1989 erst 19 Jahre alt. Trotz aller Probleme, die Ungarn heute hat, glaubt die Englischlehrerin, dass die Wende für ihr Land gut war. Vieles hätte sich verbessert – vielleicht nicht unbedingt die wirtschaftliche Situation, aber dafür „haben wir das Gefühl, dass wir wirklich frei sind. Du kannst sagen, was immer du willst“, sagt Betty.
Neues Ungarn, neue Ängste
Doch der Soziologe Elemer Hankiss befürchtet, dass die Menschen ihre alten Ängste einfach gegen neue ausgetauscht haben. Früher hätten alle politische Ängste gehabt, erklärt er. Jeder musste jederzeit befürchten, von der Geheimpolizei verhaftet zu werden. Heute sei diese Angst verschwunden – dafür gebe es neue Ängste. „ Die Menschen haben gelernt, Angst um ihren Job zu haben und zwar jeden Tag aufs Neue. Es ist eine permanente Unsicherheit“, beschreibt er die Situation.
Die Arbeitslosigkeit in Ungarn liegt bei zehn Prozent. Die Wirtschaftskrise ist ein ernster Test für die neuen, demokratischen Institutionen, die vor 20 Jahren gegründet wurden.
Mehr über die Wende 1989 in Europa erfahren Sie in unserem Dossier (mehr...).




