Sprachlicher Reichtum oder sprachliche Rivalität?
Vier Sprachen in einem Land: In Spanien ist die Amtssprache zwar Spanisch, daneben gibt es aber noch drei Mit-Amtssprachen. Auch Baskisch, Galizisch und Katalanisch werden in den staatlichen Schulen unterrichtet. Das sprachliche Nebeneinander läuft nicht immer reibungslos ab und führt häufig zu öffentlich ausgetragenen Meinungsverschiedenheiten.
Aufmerksam hören die ungefähr 20 Schüler der spanischen Gymnasialstufe, der Bachillerato, ihrer Lehrerin zu. Die Schüler sind zwischen 15 und 17 Jahre alt. Überraschend ist weniger das Unterrichtsthema – lateinische Grammatik – als die Unterrichtssprache: Die Schüler werden auf Katalanisch unterrichtet. In Barcelona ist das keinesfalls eine Seltenheit.
Fließender Wechsel
Im Studienzentrum Montseny wird, wie auch anderswo in Katalonien, in der Regionalsprache unterrichtet. Die Gymnasiasten sprechen sowohl Spanisch als auch Katalanisch. Isabel Monseny, Lateinlehrerin und stellvertretende Direktorin, ist der Auffassung, „dass die Schüler beide Sprachen beherrschen“ sollten. Und sie erklärt weiter, dass in der Schule ausschließlich auf Katalanisch unterrichtet werde, die spanische Sprache sei den Schülern jedoch durch ihr soziales und familiäres Umfeld ebenso vertraut.
1983 wurde mit dem Gesetz zur Sprachenpolitik das Katalanische als Unterrichtssprache in Katalonien eingeführt. Seither würden beide Sprachen gleichberechtigt verwendet, sagt Isabel Monseny. „Wir haben es weniger mit Zweisprachigkeit zu tun als mit Diglossie – die Schüler wechseln fließend zwischen den Sprachen hin- und her.“
Nationalisten bevorzugen Regionalsprachen
Unumstritten ist diese Praxis allerdings nicht. Viele Eltern bedauern, dass in katalanischen Schulen nicht ausreichend Spanisch angeboten werde. Ähnliche Beschwerden gibt es im Baskenland.
Die Kompetenz für die Bildungspolitik liegt in Spanien bei den Regionen. In den Regionalparlamenten geben häufig die Nationalisten den Ton an - und diese bevorzugen die Regionalsprache.
Manifest für eine gemeinsame Sprache
Die Schriftstellerin Maria Teresa Gimenez Barbat ist Vorsitzende des Verbands der katalanischen Bürger, der Associacio Ciutadans de Catalunya. Sie schreibt ihre Werke auf Katalanisch. „Im Baskenland, in Galizien und in Katalonien sollten Spanisch und die Regionalsprachen gleichermaßen unterrichtet werden, denn dadurch wird es leichter, sich zu verständigen und sich untereinander auszutauschen“, sagt sie. Gleichzeitig lehnt sie aber den Missbrauch der Sprache als politische Waffe in den Händen von Nationalisten und Separatisten ab.
Sie hat das „Manifest für eine gemeinsame Sprache“ unterzeichnet, das eine einheitliche Landessprache in ganz Spanien fordert. „Seit vielen Jahren sprechen wir in Katalonien vor allem davon, was uns von den anderen unterscheidet: unsere Sprache, unsere Kultur und unsere Gebräuche“, sagt Gimenez Barbat. Sie wünscht sich, „dass man den Gemeinsamkeiten ein größeres Gewicht beimisst, dass man die Vorteile des Spanischen für einen Katalanen herausstellt. Indem wir Spanisch sprechen, gehören wir ebenso zu Spanien wie zu Katalonien.“
Sprachenreichtum in Spanien
Die Linguistin Maria Teresa Turell, Professorin an der Universität Pompeu Fabra in Barcelona, sieht die Verantwortung für die sprachliche Zersplitterung bei den letzten Regierungen. „Eine Regierung folgt auf die nächste, aber es gelingt ihnen nicht, eine schlüssige und langfristige Sprachenpolitik zu formulieren. Weder linke noch rechte Politiker haben sich bislang dazu durchringen können, laut und deutlich zu sagen, dass alle Sprachen, auch das Baskische, das Galizische und das Katalanische, zum Spracherbe Spaniens gehören.“
Gleichzeitig bestreitet niemand den Sprachenreichtum des Landes. Für Turell ist die Muttersprache der entscheidende Faktor: „Wäre es überall in Spanien möglich, dass Kinder von klein auf ihre Muttersprache lernen könnten, würde dadurch auch das Erlernen einer dritten oder vierten Sprache erleichtert werden. Dafür gibt es zahlreiche Belege. Zwei- und Mehrsprachigkeit stellen einen großen Mehrwert dar, doch die Türen zum Spracherwerb werden durch die Muttersprache geöffnet.“
Diese Botschaft ist auch im Studienzentrum von Barcelona angekommen. Die Schüler begnügen sich nicht damit, Spanisch und Katalanisch zu lernen, sondern nehmen auch Latein in Angriff, die Wurzel aller romanischen Sprachen.




