Unverständnis statt Hilfe
Auf einmal wird das Leben schwieriger und grauer, die Stimmung gedrückt. Aus dem Bett aufzustehen, das Frühstück vorzubereiten, zur Arbeit zu gehen, diese, bisher ganz alltäglichen Aktivitäten sind so schwierig wie das Besteigen des Mount Everest.
Es könnte sich einfach um eine vorübergehende Stimmungsschwankung handeln. Es könnte aber auch eine Krankheit sein. Denn Depression ist eine ernsthafte Krankheit. Diesen Satz sollte man in Polen ständig wiederholen, denn immer noch wird Depression hier nicht ernst genug genommen. Diejenigen, die sie bewältigt haben behaupten, sogar der größte physische Schmerz sei mit dem psychischen Leiden unvergleichbar. Aber es gibt auch immer eine Chance die Krankheit zu besiegen.
Magdalena Pytel ist Therapeutin am Warschauer Therapiezentrum Promitis: „Die Depression ist zwar eine Krankheit, aber eine, die man erfolgreich behandeln kann. Das muss man betonen. Es gibt sehr gute Behandlungsmethoden und viele Patienten schaffen es aus der Depression heraus.
Es ist zugleich eine sehr schwere Krankheit, die den Alltag des Patienten sehr stark beeinträchtigt und manchmal zum Selbstmord führen kann.“
Bis zu zehn Prozent der Depressionskranken wollen sich das Leben nehmen. Die meisten von ihnen sind jung, manchmal sehr jung, zwischen 15 und 35 Jahren.
Ob Handwerker oder Banker, jeder kann betroffen sein
Für die Ärzte stellt die Depression immer noch ein Rätsel dar. Für die Erkrankung ist wahrscheinlich die „Gehirn-Chemie“ verantwortlich. Bauer und Großstädter, Handwerker und Intellektueller - es gibt keine gesellschaftliche Schicht, die besonders depressionsanfällig wäre, erkranken kann jeder. Das Einzige, was man über die mysteriöse Krankheit weiß, ist, dass doppelt so viele Frauen wie Männer unter ihr leiden. Noch vor kurzem konnten die Kranken in POlen aus ihrem Umfeld nicht mit Unterstützung rechnen. Wer unter Depression gelitten hat, wurde in Polen gemieden, nicht verstanden oder einfach ausgelacht. Kein Wunder, dass sich nur wenige zum Psychiater trauten.
Das Verständnis wächst langsam
Langsam beginnen die Polen ihr Verhältnis zu dieser Krankheit zu ändern. Immer mehr Menschen geben öffentlich zu, unter Depression zu leiden. Der erste Schritt zu mehr Verständnis wurde getan, bestätigt auch die Therapeutin Magdalena Pytel.
„Leider kommt es ständig vor, dass Kranke von ihrem Umfeld überhaupt nicht verstanden werden. Das Umfeld betrachtet die Krankheit als eine vorübergehende Stimmungsschwankung. Man sagt dem Kranken oft: ‚Mensch, reiß dich doch zusammen, fahr ins Grüne, ruhe dich aus.’ Das ist aber keine Lösung. Zum Glück ändert sich langsam die Einstellung der Polen zum Problem.“
Immer mehr Menschen in Polen leiden an Depressionen
Die Zeit ist reif, denn die Zukunftsprognosen für Polen sehen beängstigend aus. Laut Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO wird die Zahl der Depressionskranken an der Weichsel rapide steigen. Das sei der Preis, den die Mittel-Osteuropäer für die politischen und wirtschaftlichen Umwandlungen der letzten Jahre zahlen müssen. Stress, Arbeitslosigkeit, Angst vor einer ungewissen Zukunft haben verursacht, dass nach der Wende von 89' der Verkauf von Antidepressiva in Polen um das 10-fache gestiegen ist.
Hören Sie mehr zu diesem Thema in der Sendung Treffpunkt Europa am 30.01.2010...
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