Kultur zwischen den Fronten
Auch ohne den Titel "Europäische Kulturhauptstadt" ist Istanbul seit Jahren ein Touristenmagnet. Prunkvolle Paläste, Moscheen und Museen zeugen von der reichen Geschichte der Stadt. Woran es bislang mangelt, ist das Bewusstsein für den richtigen Umgang mit dem historischen Erbe.
Die Geräusche von Hammer, Spachtel und Pinsel hört man zurzeit oft in der Istanbuler Altstadt. Ob im Topkapi-Palast, an der Stadtmauer oder in der Hagia Sophia. 70 Prozent des Kulturhauptstadtbudgets fließen in große Restaurationsprojekte. Ein überfälliger Schritt erklärt Suay Aksoy von der "2010-Agentur".
Bislang sei die Stadt mit ihrem kulturellen Erbe extrem nachlässig umgegangen. "Weil die römische Stadtmauer so schlecht restauriert wurde, droht die UNESCO damit, Istanbul von der Welterbe-Liste zu streichen", erklärt Aksoy. Man müsse sich wirklich schämen. Die Stadt habe wohl gedacht, was sie da mache, sei fachgerecht, aber das sei es nicht gewesen. "Dank 2010 steigt das Bewusstsein für solche Fragen, man tauscht sich mehr aus und die Arbeit der Museen spielt eine größere Rolle."
Kultur ist mehr als nur Architektur
Abseits der bekannten Touristenattraktionen weiß die Stadt ihr historisches Erbe allerdings nach wie vor nicht wirklich zu schätzen. Weitgehend unbeachtet von der Öffentlichkeit hat sie mit dem Abriss des Altstadtviertels Süleymaniye begonnen. 15 Prozent sind bereits verschwunden, darunter auch viele denkmalgeschützte Holzhäuser. In einigen Jahren soll hier nach Auskunft der Stadt ein schickes Mittelklasseviertel im osmanischen Stil entstehen. Istanbuls Architektenkammer reagierte entsetzt.
Und auch Soziologin Pelin Tan von der Technischen Universität Istanbul kritisiert die urbane Transformation im Zuge von 2010: "Die multikulturelle Gesellschaft ist bedroht, weil die Stadt ganze Nachbarschaften zerstört. Die Lokalpolitiker glauben, dass sie das kulturelle Erbe schützen, indem sie die armen Einwohner vertreiben und schöne neue Häuser bauen. Aber die Leute, die da wohnen, sind doch die Kultur." Das verstehe die Stadtverwaltung nicht, für die 2010 vor allem mit Tourismus und Geld verdienen zu tun habe, so Pelin.
Mehr Show als Kunst und Kultur?
Auch viele Künstler beklagen, dass 2010 zu kommerziell geworden sei. Die eigentlichen Kulturprojekte spielten nur eine Nebenrolle. Dabei wäre Unterstützung dringend notwendig. Die wenigsten Kreativen können von ihrer Arbeit leben. Eine staatliche Kulturförderung gibt es fast nicht. Mit den Kulturhauptstadt-Geldern schien plötzlich vieles möglich. Eine Gruppe um die Schauspielerin Zeynep Günsür zum Beispiel wollte eine Infrastruktur für zeitgenössisches Theater schaffen. Denn bislang gibt es in der Zwölf-Millionen-Stadt nur ein einziges unabhängiges Theaterzentrum. Nachdem die Agentur das Projekt lange unterstützte, lehnte sie es plötzlich ohne Angabe von Gründen ab.
Das komme häufiger vor, erzählt Zeynep Günsür. "Die meisten Projekte, die abgelehnt wurden, waren langfristige Sachen, die in der Stadt wirklich was verändern wollten. Ich bin sehr traurig, dass 2010 daran kein Interesse hat. Die setzen lieber auf den großen Showeffekt. Für das türkische Publikum wird das alles keinen Bestand haben."
Viel Geld lockt Korruption an
In der Tat lassen sich die nachhaltigen Projekte im Programm an einer Hand abzählen. Das ist schade, denn zunächst hatte es so gut ausgesehen für Istanbul 2010: Zum ersten Mal in der Geschichte der Stadt arbeiteten Staat, Kommune und Kulturschaffende unter einem Dach zusammen. Doch schon bald drohte die Organisation im Chaos zu versinken, es gab Streit über die Vergabe von Projekten, Korruptionsvorwürfe wurden laut.
Statt konstruktiv miteinander zu reden, lähmten sich Bürokraten und Kreative gegenseitig, erzählt Gürhan Ertür. Er war vor fünf Jahren einer der Gründer der Bürgerinitiative für die Kulturhauptstadt. "Als es mit 2010 ernst wurde, habe ich gesagt: 'Wenn es uns als Zivilgesellschaft gelingt, ungefähr 20 Prozent der Projekte umzusetzen, dann ist das ein Erfolg.' So hätte die Zusammenarbeit von Staat, Stadt und NGOs geklappt. Jetzt aber ist dieser Anteil auf magere zwei Prozent gesunken."
Gürhan Ertür zog die Konsequenz und trat aus dem Vorstand der 2010-Agentur aus. Damit offenbart sich das grundlegende Problem: Während Stadt und Staat 2010 sehr zielstrebig für ihre Ziele nutzen, ist die Istanbuler Zivilgesellschaft zu schwach, ein überzeugendes Gegenmodell durchzusetzen. Wie so oft sind die verschiedenen Intellektuellen- und Bürgergruppen untereinander zerstritten. Nur in einem Punkt sind sich alle einig: Bevor das Jahr überhaupt richtig angefangen hat, ist Istanbul 2010 schon jetzt vor allem eines - eine verpasste Chance.
Weitere Informationen zu den Kulturhauptstädten Europas 2010:
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Europäische Kulturhauptstadt Ruhr.2010
Das gab es noch nie: Gleich 53 deutsche Städte sind 2010 gemeinsam Europäische Kulturhauptstadt und wollen als neue, unkonventionelle Metropole wahrgenommen werden. (mehr...)
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Ich kenne Istanbul
EUropaische Kulturhauptstadt!!?
na Ja, warten wir bis der Groschen faellt
die Haelfte der Stadt ist im asiatischen Teil, (na ja macht ja nix)
die Tuerkei ist noch nicht Eu Land ( echt???)
Istanbul ist schoen wenns ganz fertig ist sicher eine Reise wert...
aber bitte nur mit erfahrenen Reisefuehrer, gibt ja auch dort gefaehrliche Ecken....
dieses Risiko geht man nicht so stark ein, indem man Professionelle Reisefueher bucht und sich in der Gruppe bewegt, wie gesagt es ist dort nicht wie in Muenchen oder Salzburg, wo sie ohne Bedenken spazieren koennen, nichts ist eben dort 100%




