Gesundheitssystem auf dem Operationstisch
Streiks, lange Warteschlangen, Ärzte, die auswandern - um das polnische Gesundheitssystem ist es nicht zum Besten bestellt. Wie stehen die Chancen auf eine Heilung des kranken Systems?
Wenn es richtig dringend ist, erklingt das Martinshorn. Dann geht es um jede Sekunde. In Polen ist das Gesundheitssystem selbst in einer verzweifelten Notlage. Doch Rettung ist nicht in Sicht. Die Symptome sind zahlreich und mit bloßem Auge zu sehen. Mehrmals im Jahr rücken die Krankenschwestern zum Streik aus.
Eine polnische Krankenschwester berichtet: "30 Jahre Nachtdienst, 30 Jahre Dienst an Feiertagen. Sie haben zu Hause gesessen, wir haben gearbeitet. 30 Jahre lang hören wir, dass wir eine Gehaltserhöhung bekommen - irgendwann später, denn sonst geht noch das Krankenhaus bankrott. Seit 30 Jahren steht das Spital ununterbrochen am Rande des Bankrotts."
Wartezeiten bis zu 18 Jahre
Ähnlich geht es vielen öffentlichen Krankenhäusern in ganz Polen. Ihre einzige Einnahmequelle sind Gelder vom Nationalen Gesundheitsfond NFZ, der einzigen Krankenkasse im Lande. Und dass es um die Finanzen des NFZ seit Jahren nicht zum Besten steht, davon können die Patienten auch ohne detaillierte Haushaltsaufstellung ein Lied singen. In einigen polnischen Krankenhäusern beträgt die Wartezeit für Becken- oder Knieoperationen bis zu 18 Jahre.
Liegt das polnische Gesundheitssystem im Sterben? Im zuständigen Ministerium sieht man das völlig anders. Nach Ansicht von Jakub Piotrowski, dem Mitarbeiter der Gesundheitsministerin Ewa Kopacz, geht es dem System bei Weitem nicht so schlecht, wie die Medien schreiben. Dass auf den ersten Blick ein anderer Eindruck entsteht, liege daran, dass es immer mehr alte Menschen in Polen gebe, die medizinisch versorgt werden müssen.
Er führt aus: "Es stimmt, die Länge der Warteschlangen bleibt seit einigen Jahren fast gleich. Die Zahl der geplanten Behandlungen und die Zahl der Wartenden aber haben sich, was nur wenige wissen, in dieser Zeit fast verdoppelt. Das heißt, dass wir in Wirklichkeit effizienter werden."
Nur noch einmal anstellen erlaubt
Auch für das Problem der langen Wartezeiten glaubt man im Gesundheitsministerium eine Lösung parat zu haben. Ab nun soll der Patient nur noch in einer Warteschlange anstehen dürfen. Bisher stellten sich die Patienten in bis zu fünf verschiedenen Krankenhäusern gleichzeitig an, in der Hoffnung schneller bedient zu werden. Durch die neuen Einschränkungen bekämen sie jetzt ein realistisches Bild der tatsächlichen Nachfrage, sagt Piotrowski: "Das Beispiel eines Krankenhauses in Westpommern zeigt, dass sich die Warteschlange nach der Einführung einer solchen Regelung um die Hälfte verkürzt hat."
Statt Brände zu löschen, sollte man sie vielmehr durch Vorbeugung verhindern, kommentiert ein Warschauer Arzt, der anonym bleiben möchte, die Pläne der Politik. Denn auch wenn man die Patienten diszipliniere, löse das nicht das Hauptproblem: Was Polen nämlich vor allem fehle, seien Spezialisten und Anreize für junge Ärzte, die welche werden wollen. Im verbitterten Ton erklärt der Arzt seine Ansichten: "Wir alle haben Freunde, mit denen wir in die Schule gegangen sind. Diese haben schon längst ihr, meistens kürzeres, Studium abgeschlossen. Sie verdienen recht gut und haben einen guten Lebensstandard. Wir müssen nach sieben Jahren knochenharter Ausbildung weiter umsonst arbeiten, da das Ministerium nur einem Bruchteil der Ärzte ihre Spezialisierung finanziert. Das ist frustrierend."
Die Ärzte laufen davon
Jede Woche 40 Stunden umsonst arbeiten? Viele Ärzte wollen da nicht mitmachen und laufen davon - ins Ausland oder in die besser bezahlte Pharmakologie-Branche. Die Konsequenzen tragen alle: Der Staat verliert das Geld für die Ausbildung der Ärzte, die Patienten die Chance auf eine schnellere Behandlung und die Ärzte schließlich die Möglichkeit, ihrer Berufung nachzugehen.
Ohne eine umfassende Kur und Therapie steht das Gesundheitssystem vor dem Kollaps. An einzelnen Symptomen herumzudoktern, wird wohl nur dazu führen, dass sich letztlich das auch in Polen bekannte Sprichwort bewahrheitet: ”Operacja sie udala, pacjent zmarl”. Operation gelungen: Patient tot!




