Große Unterschiede in der Volksseele von Letten, Esten und Litauern
Die baltischen Staaten blicken auf ähnliche historische Erfahrungen zurück. Und mit dem Singen von Volksliedern teilen sie auch eine gemeinsame Leidenschaft. In ihrer Mentalität seien sie jedoch sehr unterschiedlich, meinen Kenner des Baltikums.
Lettland, Estland und Litauen haben eine ähnliche Geschichte: Alle drei Länder litten fast ein halbes Jahrhundert unter sowjetischer Fremdherrschaft. Und alle drei sind in den 90er Jahren der Europäischen Union und der Nato beigetreten. In der EU galten sie jahrelang als die am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften. Allerdings wurden die baltischen Staaten von der weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise dann auch besonders getroffen. Diese Gemeinsamkeiten sollten allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich Letten, Esten und Litauer in ihrer Lebensart sehr voneinander unterscheiden, wie Ojars Kalnins, Leiter des "Lettischen Instituts" und ehemaliger lettischer Botschafter in Washington, erklärt.
Eine der wenigen Leidenschaften, die die Balten tatsächlich miteinander teilten, sei ihre Freude am Singen, sagt Ojars Kalnins. In der Geschichte der Länder habe dies eine bedeutende Rolle gespielt. Tatsächlich ist der Kampf um die Unabhängigkeit von der Sowjetunion als "Singende Revolution" in die Geschichtsbücher eingegangen. Aus traditionellen Liederfestivals hatten sich gigantische friedliche Protestdemonstrationen entwickelt.
"Esten sehen sich als Nordeuropäer"
Laut Ojars Kalnins unterscheiden sich die drei baltischen Nationen ganz wesentlich in ihrer Mentalität. Die Esten verhielten sich eher reserviert und neutral. Die Litauer seien leidenschaftlicher und fühlten sich vom mediterranen Lebensstil angezogen. Die Letten befänden sich in der Mitte dieser beiden Pole. Sie seien vor allem diplomatisch.
Auch wie die Bürger der drei Staaten das Baltische an sich sähen, sei sehr unterschiedlich, meint Ojars Kalnins. Die Letten seien die einzigen, die richtig stolz auf ihre baltische Identität seien. Es seien auch vor allem sie, die lettische Institutionen gründeten. Die Esten hingegen sähen sich vor allem als Nordeuropäer. Und die Litauer schwelgten in ihren historischen Erinnerungen, als sie zusammen mit Polen eine bedeutende Regionalmacht waren. Ojars Kalnins über Lettland: "Wir liegen geografisch in der Mitte der baltischen Staaten, und wir besitzen die größte Stadt im Baltikum. Wenn es so etwas wie einen baltischen Organismus gibt, dann sind wir das Herz davon."
Nähe zu Finnland hat Estland geholfen
Wenngleich viele Letten auf ihr Land stolz sind, im Ausland gilt vor allem Estland als besonders erfolgreich. Die Esten haben in den vergangenen zwei Jahrzehnten eine erstaunliche wirtschaftliche Entwicklung vollzogen. So wurden sie zum Beispiel in der Internet-Technologie führend. Der kostenlose Internet-Telefondienst Skype wurde zum Beispiel in Estland entwickelt. Und im nächsten Jahr könnte es sein, dass Estland als einziges der drei baltischen Staaten den Euro einführt. Nach Ansicht von Jaak Joeruut, estnischer Botschafter in Lettland, hat die Nähe zu Finnland den Esten beim wirtschaftlichen Durchstarten Anfang der 90er Jahre geholfen. Mit Finnland habe man damals einen direkten Nachbarn gehabt, der fest in das kapitalistische Wirtschaftssystem eingebunden gewesen sei. Zudem seien die Sprachen der beiden Länder sehr ähnlich. Jaak Joeruut: "Für finnische Investoren gab es kaum eine Sprachbarriere. Und das bedeutete, dass sie sofort da waren und bei uns Geschäfte machten. Davon haben wir sehr profitiert."
Heute versuchen die drei baltischen Staaten, ihre Volkswirtschaften zurück auf Spur zu bringen. Der Einbruch in der Krise war tief. Alle drei Länder durchlaufen harte Konsolidierungsprogramme. Die Gehälter sind gesunken und die Steuern gestiegen. Im vergangenen Jahr musste Lettland gar vom Internationalen Währungsfonds vor der Staatspleite gerettet werden.
Unternehmen erneuern sich in der Krise
Der Leiter des "Lettischen Instituts", Ojars Kalnins, ist dennoch zuversichtlich. 800 Jahre politischer Unterdrückung hätten dazu geführt, dass die Letten auch in den schwierigsten Situationen wieder Fuß fänden. "Es gibt viele, die jetzt sehr leiden. Aber auch viele, die sich aus dem Schlamassel schon wieder herausarbeiten. Wir beobachten bereits, dass eine ganze Menge kleiner innovativer Unternehmen mit neuen Ideen auf den Markt drängt." Diese Unternehmen hätten die Krise genutzt, um sich selbst zu erneuern. "Wir hoffen, dass wir uns wieder ganz berappeln. Und dann sind wir vielleicht sogar noch etwas stärker als bisher. Und ein bisschen klüger. Und alles ist eine Spur stabiler."
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