Großbritanniens Erfahrungen mit der Privatisierung der Bahn
Seit Januar 2010 dürfen europäische Unternehmen Bahndienstleistungen im internationalen Personenverkehr in der ganzen EU anbieten. Das Beispiel Großbritannien zeigt, worauf beim Wechsel auf private Anbieter zu achten ist.
Wer in Großbritannien mit dem Zug zum Beispiel von Manchester nach York fährt, kauft sich sein Ticket bei der privaten "Transpennine Express"-Gesellschaft. Die Schienen, auf denen der Zug fährt, und die Bahnhöfe, an denen er hält, gehören allerdings einer anderen Firma, der "Network Rail". Vor 15 Jahren noch war das alles einheitlich geregelt. Damals hielt das Staatsunternehmen "British Rail" die Fäden in der Hand. Ob die Dinge früher besser waren oder nicht, darüber gehen die Meinungen in Großbritannien auseinander.
Bob Gwynne ist Leiter einer Ausstellung im "Nationalen Eisenbahn Museum" in York. Er hat die Privatisierung der Bahn mitverfolgt und sieht nicht nur Vorteile: "Die Kosten für die Instandhaltung sind letztlich gestiegen. Wie der Betrieb im Moment finanziert wird, ist für das britische Finanzministerium keine Lösung auf Dauer. Die Bahn ist leider seit längerem ein Spielball der Politik."
Zuständigkeiten unklar
Als die konservative Regierung die Bahn 1994 privatisierte, stieß sie bei Gewerkschaften und Fahrgästen zunächst auf viel Widerstand. Allerdings folgte die Regierung mit dieser Maßnahme einer Richtlinie der EU. Diese sieht unterschiedliche Eigentümer für die Schieneninfrastruktur und die Züge vor, wobei dies zu faireren Marktbedingungen führen soll. In Großbritannien, so lautet inzwischen mehrheitlich das Resümee, habe die Privatisierung allerdings an der unklaren Vergabe der Verantwortlichkeiten gekrankt. So sei lange Zeit unklar gewesen, wer für die Instandhaltung der Gleise in welchem Maße verantwortlich zu sein hatte.
Im Jahr 2000 kam es dann durch schlampige Wartung von Gleisen tatsächlich zu einem schweren Bahnunfall in Hatfield, nördlich von London. Vier Menschen starben. Zwei Jahre später verloren weitere sieben Menschen wegen lascher Wartung von Gleisen ihr Leben. Brian Denny, Sprecher der Gewerkschaft der Eisenbahnarbeiter, nimmt kein Blatt vor den Mund: "Die Menschen mussten sterben, weil die Qualität der Wartungsarbeiten am Schienennetz katastrophal war. Das sind typische Probleme, wenn man eine Bahn privatisiert." Am erstaunlichsten sei es jedoch, so Brian Denny, dass angesichts dieser Erfahrungen in der gesamten Europäischen Union die Privatisierung weiter vorangetrieben werde. Und dies, obwohl sich nicht ein einziger Wähler dafür ausgesprochen habe.
Teure Fahrkarten
Nach Ansicht des europäischen Verkehrskommissars Antonio Tajani hingegen hat die Öffnung des Bahnsektors für den freien Markt im Allgemeinen viele Vorteile. So sei davon auszugehen, dass die Preise sinken, die Qualität sich verbessern und das Angebot umfassender werde. In Großbritannien sind allerdings nicht alle diese Punkte eingetreten, wie heutzutage kaum noch jemand bestreitet. Denn tatsächlich subventioniert der britische Staat die Bahn heute in höherem Maße als vor der Privatisierung. Und die Tickets gehören inzwischen zu den teuersten in Europa. Vor diesem Hintergrund gibt Bob Gwynne vom "Nationalen Eisenbahn Museum" anderen Ländern, die ihre Bahnen ebenfalls privatisieren möchten den Tipp auf den Weg, besonders auf die Wartung der Schienen zu achten. "Diese Arbeit sollte nicht ausgelagert werden", sagt er. Außerdem sei natürlich wichtig, dass das Wissen, wie die Schieneninfrastruktur gut instand gehalten werden kann, bei der Privatisierung nicht verloren gehe.
Allerdings, so räumen inzwischen auch Kritiker der Privatisierung ein, gab es in der Zwischenzeit auch Verbesserungen. So ist die Zahl der Fahrgäste gestiegen und die Züge und Bahnhöfe sind heute in einem besseren Zustand. Keine Frage, dass die Erfahrungen in Großbritannien auch für andere europäische Länder interessant sind.
Die Sendung zum Thema
- Hören Sie auch unsere Sendung "Treffpunkt Europa: Mit dem Zug durch den alten Kontinent" vom 12. April 2010
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