6. Dezember – Der Klimawandel-Zirkus landet in der Stadt
Tausende Busse und Fahrräder kennen zurzeit nur ein Ziel, die dänische Hauptstadt. Und auch der „Climate Express“ ist angekommen: CO2-neutral und mit Euranet-Korrespondentin Marnie Chesterton an Bord.
Die Fahrt war lang. 13 Stunden saß ich in diesem Sonderzug von Amsterdam nach Kopenhagen – Zeit genug, mich mit den mitfahrenden Politiker, Wissenschaftler, Umweltaktivisten und Kollegen zu unterhalten. Zeit genug auch um festzustellen, dass manch ein Teilnehmer noch eine deutlich längere Anreise hatte. Zum Beispiel Margriet aus Norwegen.
Öko-Passagiere, auch aus den fernen Japan
Sie reiste tatsächlich mit dem Zug aus Kyoto an, dem Austragungsort der letzten Klima-Konferenz. Zwei Wochen schlug sie sich in unterschiedlichsten Zügen durch Sibirien. Als ich mit ihr sprach, war Margriet erstaunlich locker und fröhlich – ihre größte Sorge war lediglich, dass sie wegen der Reisestrapazen etwas stinken könnte!
An Bord des Zuges wurden wir Mitreisenden sofort von einer wahren Flut von umweltbezogenen Informationsbrocken erschlagen. Regelmäßig wurden wir „Öko-Passagiere“ per Lautsprecheransagen aufgefordert, an Workshops zu diversen Umweltthemen teilzunehmen. Hochglanzbroschüren (auf Recycle-Papier!) erklärten, wie man seiner Umweltbotschaft mehr Geltung verschaffen könne. Selbstverständlich war die Verpflegung aus biologischem Anbau. Und selbst auf der Kopfstütze mir gegenüber prangte in großen Buchstaben die Forderung, dass Kopenhagen ein faires, ehrgeiziges und verbindliches Klimaschutzabkommen liefern müsse. Gut zu wissen.
An Bord ging es zu wie in einer Schule am Tag der offenen Türe. Mit Filzstiften malten hinter mir im Wagen Aktivisten farbige Plakate, die ein Ende der Kohlenstoff-Emissionen forderten – bevor sie die Plakate an die Zugfenster klebten. Von draußen sah der Zug prompt wie ein Kindergarten aus. Passend dazu gab es sogar einen Zauberer an Bord, doch wie genau der in das große Umweltpuzzle passte, erschloss sich mir auf den ersten Blick nicht …
Auch Verhandlungsgenies an Bord
Die Zusammensetzung der Reisenden an Bord des Zuges entsprach wohl im Großen und Ganzen dem der Akteure auf dem Weltklimagipfel in Kopenhagen insgesamt. So gab es auf der Reise auch nicht nur Jux und Dollerei, es waren auch wichtige Entscheidungsträger an Bord, wie zum Beispiel Jean Pascale van Ypersele des Zwischenstaatlichen Ausschusses für Klimaänderungen (IPCC). Seine Organisation wertet die weltweite Forschung zum Klimawandel aus, die die Grundlage für alle Verhandlungen auf der Konferenz bildet. Ich fragte ihn, was er von der nächsten Woche erwartet:
"Ich denke, Kopenhagen wird uns ein sehr wichtiges Abkommen bringen Es ist ein sehr wichtiger Schritt, viel wichtiger noch als Kyoto. Doch sobald dieses Abkommen abgeschlossen ist, können wir bereits über die Vorbereitung zur nächsten Verhandlungsrunde nachdenken, weil es nicht genug sein wird. Die Klimaverhandlungen müssen in Richtung noch stärkerer Kürzungen gehen, noch vor Ende dieses Jahrhunderts muss es bedeutende Schritte geben."
Verhandlungsführer und Prediger
Im Konferenzzentrum, nur wenige Kilometer von der Innenstadt entfernt, werden die mehr als 100 Staatschefs und 20.000 Delegierten über schwindelerregende Zahlen verhandeln. Auf der einen Seite geht es um die Milliarden Tonnen Schadstoffe, auf der anderen Seite um die Milliarden von Dollars und Euros, die potenzielle Klimaschutzmaßnahmen kosten werden.
Außerhalb des Kongresszentrums und überall in der dänischen Hauptstadt werden die Klimaaktivisten versuchen, ihre Botschaften der Öffentlichkeit zu vermitteln – und dies nicht nur den amüsierten Einheimischen in Kopenhagen selbst, sondern am liebsten durch die Presse aus aller Herren Länder gleich der ganzen Weltöffentlichkeit.
Nach Monaten des Hypes kommt die Konferenz endlich in die Gänge. Wird es eine vorweihnachtliche Bescherung für diejenigen geben, die an den Abschluss eines verbindlichen Abkommens glauben? Oder wird es doch nur bei einer schönen Geschenkverpackung bleiben, ohne echte Inhalte? Wir halten Sie hier auf dem Laufenden ...




