Folgen des Klimawandels - in den Alpen
Schmelzende Gletscher, rutschende Berge, abgeschnittene Dörfer - in den Alpen zeigen sich die Folgen des Klimawandels immer häufiger. Noch weiß man nicht, wie das Klima der nächsten Jahrzehnte zwischen Oberstorf, Innsbruck, Bozen und Grenoble aussehen wird. Dass sich die Extremereignisse jedoch häufen werden, ist kein Geheimnis mehr. Experten entwickeln nun verschiedenste Anpassungsstrategien, denn die Klimaveränderung ist unaufhaltsam.
Früher und heftiger denn je kam in diesem Jahr der Wintereinbruch in den Alpen. Schulen in Süd- und Osttirol sowie Teilen von Kärnten mussten aufgrund der Schneemassen schließen, Straßen wurden gesperrt. Der befürchtete Schneemangel, vor dem Meteorologen seit Jahren warnen – ist er ein Phantom? Ob der Wintereinbruch wirklich am Klimawandel liegt, wissen die Wissenschaftler vom Ökoinstitut Südtirol nicht hundertprozentig. Die Seilbahnbetreiber jedenfalls jubelten.
Doch die Wissenschaftler vom Ökoinstitut Südtirol wie auch die Experten der länderübergreifenden Alpenorganisation CIPRA halten inmitten des Schneechaos ungerührt an ihren Klimaszenarien fest. Dietmar Überbacher sieht in den massiven Schneefällen nur einen Ausreißer, der den Trend nicht umkehren werde: „Die Niederschläge werden in dem Maß erhalten bleiben, vielleicht kommt es auch zu mehr Niederschlägen, allerdings weniger häufig in Form von Schnee, betont Überbacher. Besonders unter einer Höhe von 1500 Metern, so sagt die Studie der OECD, seien die Skigebiete nicht mehr rentabel. Das sei ein Thema, dem sich Südtirol vermehrt stellen muss, so Überbacher.
Ringen um eine bessere Umweltbilanz
Die Südtiroler zeigen sich sogar kreativ beim Lösen des Problems: Als „Alpenstadt 2009“ hat sich die Stadt Bozen vorgenommen, innerhalb der nächsten zehn Jahre klimaneutral zu werden. Das heißt: Es darf nur so viel CO2 produziert werden, wie im Stadtbereich durch natürliche Vorgänge gebunden werden kann. Im Verkehrsbereich bemüht sich Bozen beispielsweise seit dem Jahr 2005 mit dem Luftqualitätsplan für eine Verbesserung der Luftqualität, der neben zahlreichen anderen Maßnahmen Verkehrsbeschränkungen zu Stoßzeiten vorsieht.
80 Prozent der Skipisten werden mittlerweile in den Zentralalpen beschneit. Ein Wettlauf mit der Zeit. Denn die Klimakurve, wie sie bei Marc Zebisch über den Monitor flimmert, zeigt steil nach oben. An seinem Institute for Applied Remote Sensing der Europäischen Akademie von Bozen wird anhand von Klimamodellen untersucht, wie sich das Wetter in den Alpen entwickeln könnte.
Eines ist sicher: „Künftig sind die Südalpen im Sommer von Trockenheit bedroht“, sagt Zebisch. Das betreffe vor allem den Südwesten, also unter anderem Frankreich, das schon jetzt Probleme mit Wasserknappheit habe. „Das liegt zum Teil nicht nur am Klimas, sondern auch an der Geologie“, meint Zerbisch. In den Karstgebieten beispielsweise, also in Gebieten, wo das Gestein wasserdurchlässig ist, gebe es sowieso wenig Oberflächenwasser.
Obst und Gemüse mit Klimaanpassung
Besonders betroffen von dieser Veränderung ist die Landwirtschaft. In der nahen Versuchstation Laimburg untersucht der Südtiroler Forscher Walter Guerra den Trend hin zu neuen Apfelsorten. Obstbäume mit Namen wie Cameo, Pinova, Kanzi, Mairac und Rubens sollen der künftigen Wasserknappheit und den extremen Temperaturschwankungen trotzen können.
Bislang versucht man im Vinschgau im Winter die Plantagenbäume großflächig mit Beregnungsanlagen zu vereisen, um Frostschäden zu vermeiden. Dabei sinkt der Grundwasserspiegel regelmäßig um einige Meter ab. Schweizer Obstbauern beheizen ihre Plantagen hingegen mit klimaschädlichen Gasheizungen, um Wasser zu sparen.
Wie viel Wasser ist erträglich?
Während in Südtirol nach neuen Wegen der Bewässerung gesucht wird, bereiten sich die nördlichen Alpengebiete auf die prognostizierten verstärkt auftretenden Hochwasser vor. Eines von unzähligen wissenschaftlichen Projekten untersucht am Beispiel der Donau, wie sich der Abfluss in den Flüssen verändert.
Andreas Pfeiffer vom Lehrstuhl für theoretische Meteorologie der Ludwig Maximilians Universität München, ist erstaunt: „Selbst wenn die Niederschläge übers Jahr gleich bleiben würden, dann würde sich beim Abfluss in den Flüssen der Jahresgang verändern.“ Man habe jetzt im Augenblick das Maximum im Sommer. „Dadurch, dass wir aber ein früheres Abschmelzen haben hier in den Gletscherregionen oder eben mehr Niederschläge im späten Winter oder frühen Frühjahr, werden sie eher ihr Abflussmaximum im Frühjahr bekommen. Da muss man sich auch erstmal drauf einstellen“, so der Meteorologe.
Volle Flüsse, kahle Berge
Die Alpen stehen vor einem Teufelskreis, der sogar die Jahreszeiten verschieben könnte, sind Wissenschaftler überzeugt. Je eher der Schnee und mit ihm die Gletscher tauen, umso stärker zieht das dunkle Gestein die Sonnenwärme an. Auf einigen Gipfeln in der Schweiz wurde bereits ein Anstieg der Spitzentemperaturen um 6 Grad gemessen. Genau das Szenario, bei dem Geologen ein Auftauen des Permafrostbodens voraussagen -die Hauptursache für das gefürchtete Abrutschen der Hänge.
Messreihen auf der Zugspitze geben vorerst Entwarnung, aber auch nur für die bayerischen Alpen, so Andreas von Poschinger vom bayerischen Landesamt für Umwelt. Er ist überzeugt, „dass sogar mehr Permafrost erhalten bleiben kann als in den Schweizer Bergen.“ Die Schweiz habe natürlich ganz andere Höhen und damit ganz andere Probleme mit Permafrost. „Dort ist ein deutlicher Rückgang nachweisbar“, sagt von Poschinger. „Und da gibt es dann auch mehr Probleme mit Steinschlägen und Felsstürzen aus Permafrostbereichen.“
Wetterwandel beeinflusst auch den Finanzmarkt
Um Kosten für Hangverbauungen und Schutzwälder zu sparen hat man in den französischen Alpen damit begonnen, die Bewohner kurzerhand aus den gefährdeten Berggebieten umzusiedeln. Wo das politisch nicht durchsetzbar ist, steigt das Geschäft mit dem Risikomanagement. Eigens von Finanzhäusern aufgelegte so genannte Wetterderivate sollen Klein- und Mittelunternehmer vor den Folgen des Klimwandels schützen, erklärt Eric Veuillet, der Leiter von alpS – dem Zentrum für Naturgefahren und Risikomanagement in Innsbruck.
Als Wetterderivat bezeichnet man ein Finanzinstrument, bei dem meteorologische Daten wie z. B. die Temperatur oder Niederschlagsmengen als Basiswert verwendet werden. Ein Liftbetreiber könnte zum Beispiel für jeden Tag der Monate Dezember bis März, an dem kein Schnee liegt, einen Ausgleichsbetrag von der Bank erhalten. Ob er für diesen Vertrag eine Optionsprämie zahlt, oder ob er eine Zahlungsverpflichtung gegenüber der Bank hat, wenn Schnee liegt, wird im Voraus vertraglich vereinbart.
„Dann können sie“, so Eric Veuillet, „mit einer entsprechenden Finanzlösung, also einem Wetterderivat, dieses Wetterrisko, zwar nicht versichern, aber diese Umsatzschwankungen abmildern.“ Und die Nachfrage nach diesen Finanzlösungen steige.
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Weiterführende Links:
- Alpenkonvention - Für alle, die sich in irgendeiner Weise mit den Alpen beschäftigen und sich dafür interessieren (mehr...).
- Die Alpenwoche - Neues Denken in den Alpen. Die Alpenwoche ist eine der wichtigsten Veranstaltungen für nachhaltige Entwicklung im Alpenraum. 2004 fand sie zum ersten Mal statt (mehr...)
- Alpenallianz - Das Gemeindenetzwerk "Allianz in den Alpen" ist ein Zusammenschluss von Gemeinden und Regionen aus sieben Staaten des Alpenraums und besteht seit 1997 (mehr...)




