Ohne Kunst keine Aufarbeitung in Bulgarien
gabisch/pixelio.de
Die Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit in Bulgarien läuft schleppend an. Es gab keine Dissidenten, die Unterlagen der Stasi werden nur zögerlich veröffentlicht und die Kunst hält sich zurück. Ein einziger Roman thematisiert die Zeit der Wende.
Lange hat der Autor Vladimir Zarev kämpfen müssen, bis sein Roman schließlich veröffentlicht wurde. Ein kleiner bulgarischer Verlag entschied 2003, „Verfall“ (mehr...) zu verlegen – und es wurde ein großer Erfolg. In dem Wenderoman zeichnet Zarev ein grelles Panorama der Nachwendezeit.
Keine Wende vom Volke aus
Der moralische Verfall ist spürbar: Werte werden in der bulgarischen Gesellschaft über Bord geworfen. Der heute 62-jährige Vladimir Zarev hat diese Zeit selbst miterlebt. „Jedes Kind weiß inzwischen, wie die Wende in Bulgarien funktioniert hat: Sie ist ein Werk der Stasi. Noch vor 1989 hat die Stasi enorm viel Staatskapital ins westliche Ausland geschafft, auf sichere Konten handverlesener Mitstreiter. Die politische Nomenklatura versuchte, ihre politische Macht in wirtschaftliche umzutauschen. Dieses Tauschgeschäft ist Gegenstand des Romans", sagt Zarev.
Die Wende in Bulgarien als ein Werk des kommunistischen Geheimdienstes. Und auch die Entmachtung des Staats- und Parteichefs Schiwkow am 10. November 1989 kam nicht vom Volk, sondern von der jüngeren Garde der Kommunistischen Partei. Es hat darum eine Zeit gedauert, bis die Wende auch in den Köpfen der Menschen wirklich angekommen ist.
Schwierige Aufarbeitung
Die eigentliche Wende in Bulgarien kam erst 1997, als die Menschen auf die Straßen gingen und gegen die ewig Gestrigen demonstrierten. „In letzter Zeit bricht sich die Aufarbeitung langsam Bahn. Die Kunst leistet dabei Pionierarbeit, aber auch sie ist nicht radikal genug“, sagt die Journalistin Ekaterina Bontschewa. Weder Kinomacher noch Schriftsteller oder Maler würden sich trauen, das Thema wirklich auseinander zu nehmen, kritisiert sie. „Aber das ist verständlich: Bulgarien hat viel zu spät die vorhandenen Informationen veröffentlicht. Deshalb sind wir mit der Aufarbeitung auch spät dran."
Ekaterina Bontschewa ist Mitglied der Stasi-Unterlagen-Kommission. Sie weiß, dass die Vergangenheitsbewältigung für alle postkommunistischen Länder ein schwieriges Thema ist. Doch in Bulgarien wird sie zusätzlich durch den trägen und beschwerlichen politischen Übergang erschwert. Dennoch muss der Autor des bulgarischen Wenderomans "Verfall", Vladimir Zarev, anerkennen, dass „die gewaltlose Wende vielleicht der einzige Verdienst Bulgariens in diesen turbulenten Zeiten war. Doch 20 Jahre nach der Wende kämpfen wir immer noch mit den Folgen dieses trägen Übergangs, weil wir uns weigern, die Zeit aufzuarbeiten. Das Gefühl der Ungerechtigkeit ist allgegenwärtig und es macht mich wütend, dass die alten Seilschaften in Politik und Wirtschaft bis heute halten“, sagt der Autor.
Die Kunst muss vorangehen
Immer wieder kocht die Diskussion über diese Vergangenheit hoch - auch als die Bulgarin Irina Bokowa zur UNESCO-Generalsekretärin gewählt wurde. Einerseits sind die Bulgaren stolz, dass es eine von ihnen bis nach ganz oben geschafft hat. Andererseits sind sie auch skeptisch, denn Irina Bokowa entstammt einer alten, mächtigen Kommunisten-Familie.
Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit in Bulgarien ist noch lange nicht abgeschlossen. „Nur die Kunst wird einen Schlussstrich ziehen und die Ostalgie überwinden können“, sagt der Autor Zarev. „Ich bezweifle, dass wir jemals die ganze Wahrheit erfahren werden. Die Literatur, das Theater und das Kino können aber zumindest Bruchstücke liefern. Es wäre schön, wenn sich mehr Menschen mit dem auseinandersetzen würden, was passiert ist. Das ist nötig, um nach vorne schauen zu können.“
Hören Sie mehr über die Aufarbeitung der Vergangenheit in anderen europäischen Ländern in der Sendung "Treffpunkt Europa" am 07.11.2009 (mehr...) .
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